Experten im Fall Mollat

Der Focus titelte Online am 23.07.2014 „Die finanzielle Notbremse gezogen. Wurde Mollaths Verteidiger-Hick-Hack inszeniert, damit der Staat bezahlt?“ und interviewte als „Experten“ den Kollegen Prof. Dr. Ernst Fricke aus München. Schade ist nur, dass der Kollege offensichtlich überhaupt keine Ahnung von Pflichtverteidigungen hat und es somit geschafft hat, quasi jede Frage falsch zu beantworten. Zum Interview ein paar Worte von mir:

1. Man muss kein Zerwürfnis inszenieren um als Pflichtverteidiger beigeordnet zu werden. Der Kollege Strate hätte die Beiordnung zum Pflichtverteidiger einfach beantragen können, wenn er hätte beigeordnet werden wollen. Das wäre völlig unproblematisch gewesen.

2. Einen Pflichtverteidiger zahlt nicht der Staat, sondern der Angeklagte. Die Staatskasse tritt lediglich in Vorlage und holt sich im Falle einer Verurteilung die Gebühren vom Angeklagten zurück. Im Falle eines Freispruchs muss die Rechtsanwaltskosten sowieso die Staatskasse tragen. Und zwar nicht nur die Pflichtverteidigergebühren, sondern die in der Regel höheren Wahlverteidigergebühren.

3. Am meisten gelacht habe ich über die Aussage, die Pflichtverteidigervergütung „dürfte bei 500 bis 1000 Euro pro Tag liegen“. Schön wär´s, ist aber leider falsch. Selbst mit Zuschlag bei einer Verhandlungsdauer von mehr als 8 Stunden am Tag sind es gerade mal 512 Euro. Eine Verhandlungsdauer von mehr als 8 Stunden ist sehr ungewöhnlich. Und je nach Gerichtsbezirk werden von der Dauer der Hauptverhandlung auch noch alle Pausen die länger als 30 Minuten sind, abgezogen. Natürlich besteht dann zusätzlich noch die Möglichkeit eine sogenannte Pauschgebühr geltend zu machen, über deren Höhe aber im voraus nichts gesagt werden kann und die es auch nur bei außergewöhnlich umfangreichen Verfahren gibt. Die Pauschgebühr gibt es auch eher selten.

 

Ich frage mich, weshalb der Focus nicht jemanden gefragt hat, der weiß wovon er redet. Die wichtigere Frage ist aber, weshalb jemand sich zu einem Thema interviewen lässt, von dem er nachweislich nicht den geringsten Schimmer hat.

 

Nachtrag: Wie ich gerade gesehen habe, hat der Kollege Burhoff das Thema hier auch schon behandelt.

5 Comments

  1. Detlef Burhoff

    das mit dem „Experten“ haben Sie gesagt 🙂

    1. Thomas Will

      Nun ja, ich habe selten so viel Käse gelesen;-)

  2. Detlef Burhoff

    darum bin ich zur Beruhigung auch erst mal schlafen gegangen….

    1. Thomas Will

      Ich hatte das Interview direkt am 23.07. gelesen und mich fürchterlich aufgeregt. Eigentlich wollte ich auch gleich etwas dazu schreiben, nur ist es dann irgendwie in Vergessenheit geraten. Als es dann gestern überall wieder gepostet wurde, musste ich heute einfach…

  3. Armin

    Schade nur, daß die breite Masse der unbedarften FOCUS-Leser Ihre Einlassung niemals zu lesen bekommt, die wenigen, die Ihren Blog lesen, reichen leider nicht aus. Schöne (Leit)-Medienwelt; Falschinformation gehört zu deren Geschäft.

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