Ich war heute als Nebenkläger in zweiter Instanz unterwegs. Es ging um häusliche Gewalt. Dem Angeklagte war vom Amtsgericht ein Pflichtverteidiger zur Seite gestellt worden, da er unter einschlägiger, laufender Bewährung stand. Die recht milde Strafe erschien dem Angeklagten als zu hoch und er ging in Berufung.

Bereits in erster Instanz hatte der Kollege Pflichtverteidiger unter anderem mit der Meinung geglänzt, ich hätte der Mandantin die Ermittlungsakte nicht in Kopie überlassen dürfen. Für Leser, die keine Juristen sind: Über die Akteneinsicht entscheidet die Staatsanwaltschaft bzw. das Gericht. Erhält der Nebenklägervertreter die Ermittlungsakte, darf er sie völlig unproblematisch dem Mandanten geben.

Heute hatte der Kollege ein Familiengutachten aus einem Umgangsrechtsstreit zwischen dem Angeklagten und meiner Mandantin dabei. Aus diesem Gutachten wollte er zunächst seinem Mandanten und später meiner Mandantin Vorhalte machen. Der Vorsitzende wies den Kollegen dezent darauf hin, dass er nicht aus irgendwelchen Dokumenten, die sonst kein weiterer Verfahrensbeteiligter kennt, Vorhalte machen oder daraus vorlesen könne. Das überforderte den Kollegen etwas und er wusste nicht, was er nun machen sollte. Nach einigen Minuten Bedenkzeit machte der Vorsitzende ein paar Vorschläge, wie man das Gutachten einführen könnte, z.B. durch Vernehmung des Sachverständigen, der das Gutachten erstellt hatte. Der Kollege brauchte wieder einige Minuten und entschied dann nach einer Unterbrechung…überhaupt nichts zu machen.

Ich musste mich die ganze Zeit beherrschen um meinen Mund zu halten und schämte mich für den Kollegen, der  schon einige Jahre Anwalt ist und wissen müsste, wie das funktioniert.