Normalerweise fasse ich mich bei meinen Plädoyers recht kurz, da ich das Plädoyer eher als Pflichtübung begreife. Was man bis dahin nicht geschafft hat, das reißt man mit dem Schlussvortrag nicht mehr rum.

Manchmal geht es aber doch.

Mein Mandant war vom Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt worden. Zum Zeitpunkt der Verurteilung befand er sich in anderer Sache in Strafhaft. In der Situation ist es meistens schwer bis unmöglich die Voraussetzungen für eine positive Sozialprognose zu schaffen, die man für eine Bewährung braucht. Also haben wir Berufung eingelegt in der Hoffnung, dass die Berufungsverhandlung erst dann stattfinden würde, wenn der Mandant schon entlassen war und – hoffentlich – sein Leben neu geordnet haben würde.

So kam es dann auch. Trotzdem drängte der Vorsitzende uns mehrfach zur Rücknahme der Berufung. Auch noch unmittelbar, bevor ich plädieren sollte. Eine Bewährung käme auf keinen Fall in Betracht.

Da nur wir Berufung eingelegt hatten, durfte ich als Erster plädieren, noch vor der Staatsanwaltschaft.

Die Staatsanwältin, die nach mir dran war, schloss sich zu meiner großen Verwunderung meinem Antrag auf Aussetzung der Strafe zur Bewährung an, weil ich sie mit meinem Plädoyer überzeugt hätte. Nach fast einer Stunde Beratung setzte die Berufungskammer die Freiheitsstrafe dann doch noch zur Bewährung aus. Wie sich der Vorsitzende in der Urteilsbegründung anhörte, hatten ihn die beiden Schöffen überstimmt. Aber immerhin drei Prozessbeteiligte konnte ich umstimmen. Umso mehr hat es mich für den Mandanten gefreut.